Musikalisches Tagebuch 2: “Benzin” und “Mârouf le Savetier du Caire” (Februar 2018)

 

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4.02. Theater Bielefeld – Emil von Reznicek: Benzin

4.02. Theater Bielefeld – Emil von Reznicek: Benzin

Auch wenn Benzin von Reznicek (1929) eine absolute Rarität des Opernrepertoires ist, gibt es schon eine CD, so war mir die Musik wenigstens teilweise schon bekannt. Völlig unerwartet war es trotzdem, wie lustig  diese Nonsens-Oper auf der Bühne wirken kann. In diesem Fall könnte man mit Recht behaupten, dass ohne die Bühne die Musik nahezu unverständlich ist – so tief hier die beiden Ebene sich vervollständigen. Die Handlung, obwohl sie ungefähr in einer operettenhaften Bearbeitung der Ulysses-Circe-Episode besteht, ist so viel von absurden Wendungen geladen, dass in der Mitte des 2. Aktes fast kein der Zuschauer mehr verstehen konnte, was genau passierte. Figuren tauchten plötzlich auf, ohne dass man begreifen konnte, wer und warum, wie z. B. die alte Frau, die plötzlich aus einer Benzinpumpe erschien und sich lüstern auf einen der Matrosen warf. Die Musik dabei ist nicht weniger verwirrt. Sie ist aus einem ständig wechselnden Mosaik aller möglichen Stile gebildet, der dazu mit Musikzitaten übersät ist. Am Ende bleibt kaum etwas aus diesem Wirrwarr im Kopf – außer vielleicht den Chor „Zepp! Ahoi!“.

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Staatstheater Bielefeld: Benzin im Opernfoyer

Das Orchester in Bielefeld war nicht am Top und auch die Besetzung war insgesamt kaum erwähnungswert, abgesehen von zwei Nebenrollen: die starke Stimme des Koloratursoprans Nienke Otten (als Violet, eine Freundin der Protagonistin) und die schöne, runde Baßstimme von Million Moon Soo Park (als der Trump-Millionär Vater der Protagonistin). Das alles war aber in diesem Fall nur sekundär, weil die wichtigste Zutat dieser Aufführung die sehr witzige Inszenierung war. Die Regisseurin Cordula Däuper konnte den ganzen Nonsens der Handlung sehr gut zusammenfassen und mehrmals das Publikum zum Lachen bringen. Dabei spielten alle Sänger perfekt auf der Bühne. Wäre die Oper besser musiziert, aber seröser Inszeniert, würde sie wahrscheinlich langweilig wirken. Das war ein kurzweiliger Abend – obwohl eine Pause zwischen den zwei Akten nicht schlecht gewesen wäre: Die Oper ist kurz, ist aber keine Salome, wo die Spannung anhäuft…

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Bielefeld: Theater (rechts) und Altes Rathaus (links)

Kleine Nebenanmerkungen über das Theater Bielefeld und die Stadt: Die Plätze im Theater sind alle gut; auch in den günstigsten Plätzen im 2. Rang sind Sicht und Akustik perfekt. Die Preise sind dazu gar nicht hoch. Das Gebäude selbst ist in seiner äußeren Erscheinung sehr prächtig, ein Werk von Bernhard Sehring, derselbe Architekt, der auch u. a. das Theater des Westens und das Delphi Palast in Berlin sowie die Musikhalle in Görlitz und das Staatstheater in Cottbus gebaut hat. Die Innenausstattung wurde aber leider schon 1937 „modernisiert“. Seit wenigstens der 80er Jahren wurden hier immer wieder sehr seltene Werke ausgegraben. Die Stadt selbst wurde im 2. Weltkrieg stark zerstört; bietet aber noch u. a. eine wichtige Kunsthalle; einen hübschen Alten Markt; einen Antwerpener Retabel in der Altstädter Kirche; eine Burg und weitere prächtige bzw. interessante Gebäude und Ecke.

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Bielefeld: Antwerper Retabel
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Bielefeld: Sparrenburg

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9.02. Opéra National de Bordeaux – Henri Rabaud: Mârouf le Savetier du Caire 

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9.02. Opéra National de Bordeaux – Henri Rabaud: Mârouf le Savetier du Caire 

Die Produktion von Mârouf le Savetier du Caire an der Opéra de Bordeaux ist eine Wiederaufnahme einer 2013 besonders gelungenen Inszenierung der Opéra Comique Paris. Schon damals wirkte diese eher unbekannte Oper als überraschend gut; nach einem erneuten Anhören bestätigt sich den Eindruck, dass das Werk absolut würdig einer Wiederentdeckung ist. Keine einzige Sekunde dieser Oper klingt überflüssig oder langweilig; alles ist so perfekt kalibriert und faszinierend, dass der Zuschauer langsam in eine phantastische Märchenwelt entführt ist, aus der er am Ende der Oper irgendwie bereichert zurückkehrt. Das musikalische Niveau war dazu sehr hoch. Vor allem der Protagonist Jean-Sébastien Bou konnte sowohl mit der Stimme als auch szenisch seine Rolle perfekt verkörpern; aber auch der Rest der Besetzung war sehr gut. Minkowski hat sehr transparent dirigiert und jede Farbe der Partitur hervorgehoben, obwohl meines Erachtens die Interpretation von Altinoglou 2013 mitreißender war. Die magische Stimmung der Musik wurde aber vor allem von der wunderbaren Inszenierung zugespitzt. Der Regisseur Jérôme Deschamps hat eine besondere Gabe, jede Bewegung auf der Bühne nach dem Rhythmus der Musik zu richten und mit überraschenden Einfällen und teilweise sehr realistischen Gegenständen eine Märchenstimmung zu schaffen. Das Gebäck, das die „calamiteuse“ im 1 Akt auf den Boden wirft, ist real, so wie das Wasser, das im 2. Akt der fast ertrunkene Mârouf ausspuckt. Sogar die 100 Schläge, die ihm zugefügt werden, wirken realistisch. Dagegen erscheinen tanzende Esel, Wassergeister, Kamelköpfe sowie ein mit Glühbirnen beleuchteter Genie. Ebenso passiert es mit den Kostümen, die vom realistischen, zerlumpten Kleid des Protagonisten am Anfang bis zum unmöglich breiten Rock der Prinzessin reichen. Von Deschamps ist mir auch eine ebenso bunte Produktion von L’etoile von Chabrier aus der Opéra Comique Paris bekannt. Man kann nur hoffen, bald weitere Inszenierungen von ihm sehen zu können.

Diese Produktion von Mârouf le Savetier du Caire  kehrt in April mit dieser Besetzung in die Opéra Comique Paris zurück. Unbedingt gehen!

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Opéra National de Bordeaux

Ein paar Nebenanmerkungen über die Opéra Bordeaux und die Stadt. Das Gebäude der Opéra ist absolut sehenswert, die allgemeine Organisierung aber peinlich. Man muss bis fast zu einer halben Stunde vor der Aufführung draußen in den Kälten warten (nicht mal in der Hall, wie in zivilisierteren Länder…) und bei einer geringen Preiswahl schreckliche Plätze sehr teuer bezahlen – teuer als in Berlin oder sogar Paris.

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Opéra National de Bordeaux

Die Stadt Bordeaux ist faszinierend wegen der Lage, der fantastischen Weine, des labyrinthischen Gassenknäuel der Stadtmitte und des immensen Platz des Quinconces, der aber zu der Zeit leider von einem Circus besetzt war (wer konnte so was erlauben??).

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no comment…

Das Essen ist nicht so lecker wie in Lyon und Paris, dennoch gut (vor allem das Fleisch) und nicht teuer – und die brutalen Bordeaux-Weine sind doch was! Trotzdem ist die Gesamtstimmung der Stadt ein bisschen fahl – vielleicht nicht zuletzt, weil sie Die für Touristen so peinlich organisiert ist.

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Bordeaux