Buh-Rufe für Bieito – “Die Gezeichneten” an der Komische Oper Berlin

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21.01.2018 Komische Oper Berlin – Franz Schreker: Die Gezeicheneten (@Raphael Lübbers)

Nicht alles war schlecht in der neuen Produktion der Gezeichneten der Komischen Oper Berlin (Premiere am 21. Januar). Die Sänger waren z. B. alle von sehr gut bis phänomenal. Wie erwartet hat Ausrine Stundyte alles gegeben, was eine Sängerin bei dieser Rolle geben könnte – sowohl stimmlich als auch szenisch. Nicht so leicht, die absolute Kontrolle über die Stimme zu behalten, wenn man eine Wand gewalttätig mit einem großen Dolch durchbrechen muss. Die Energie, die diese Sängerin sogar bei einer so schlechten Inszenierung ständig ausströmt, ist erstaunlich. Besonders gut waren aber auch der (gar nicht hässliche) Alviano von Peter Hoare und der Vitellozzo von Michael Nagy – Letzter mit stürmischem Applaus am Ende der Oper gefeiert. Sehr gut besetzt waren aber auch alle andere Rollen, wie bereits erwähnt.
Stefan Soltesz hat viel besser als erwartet dirigiert. Das Orchester war ab und zu vielleicht nicht so präzis, der Klang war aber sehr reich und Soltesz hat versucht, alle Nebenstimmen sowie alle Klangfarben deutlich wahrnehmen zu lassen. Die Schattenseite dieser symphonischen Interpretation der Partitur war eine nicht optimale Beziehung mit dem gesungenen Text. In dieser Hinsicht passte sie aber perfekt mit der Inszenierung. Die Kürzungen zur Partitur sind meines Erachtens unverständlich: mit den paar Takten weniger im 1. Akt wird höchstens eine Minute gespart; die Striche bei der Atelierszene dienen nur dazu, die Spannung zu töten und im 3. Akt wird wegen der Kürzungen die Handlung unverständlich und sogar langweilig. Was bei dieser Oper so besonders ist, die Phantasmagorie, die gleich vor der harten letzten Szene vorkommt, ist völlig dahin.
Bieito hat sich nur minimal gekümmert, dem Libretto von Schreker zu folgen. Die Beziehung zwischen Inszenierung und Text war nur periphär und fast zufällig. Das größte Problem war aber nicht, dass die Regie skandalös oder unverständlich war. Bieito hat sich mit der größten Sünde befleckt, mit der sich ein Regisseur beflecken kann: Seine Regie ist unerträglich langweilig. Dem Meer von Unsinn, in welchem er diese Oper ertränkt hat, entrinnen noch ein paar Einfälle, wie z. B. die homosexuelle Beziehung zwischen Adorno und Vitellozzo. Der Rest sieht aus wie eine kolossale Verschwendung. Was nützt, z.B., über einen so szenisch begabten Chor zu verfügen, wie der der Komischen Oper, wenn man ihn dann nur stehen läßt? Darüber hinaus: Wenn man einmal eine traditionelle aber gut einstudierte Inszenierung der Atelierszene erlebt hat, wie z.B. vor ein paar Monaten in St. Gallen zu erleben war, weiß man, wie unglaublich spannend und kohärent diese zu recht gepriesene Szene wirkt. Man kann sich die Pfuscherei solcher “modernen” Inszenierungen wie nun in Berlin sparen. Eine Erneuerung sollte dazu dienen, das Werk anders zu beleuchten, nicht um es zugunsten des Egos des Regisseurs ärmer zu machen!