“Die Gezeichneten” bei den Festspielen München – Licht und Schatten

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Es ist sicher sehr gut, dass eine so prominente Bühne wie die Bayerische Staatsoper sich für ein noch immer vernachlässigtes Werk wie Die Gezeichneten entschieden hat, noch dazu bei den Festspielen. Das Theater hat offenbar für diese Produktion an nichts gespart, und die Wirkung beim Publikum ist nicht ausgeblieben. Man könnte perplex über die Wahl einer provokativen Inszenierung sein, wie eben diese von Warlikowski (statt einfach einer schönen/guten); sie hat aber sicher als Nebenwirkung das Neugier vieler Zuschauern erweckt, die sonst für diese Oper kein Interesse gezeigt hätten. Dass die meisten Zuschauer bis dahin keine Ahnung von der Musik Schrekers hatten, war deutlich aus den Kommentaren im Theater und auf der Straße nach der Aufführung wahrzunehmen (z. B.: „klingt wie Korngold…und genau so plakativ…wobei Korngold kitschiger ist“). Wenn einige Zuschauer während der Pause entflohen sind oder gleich am Anfang des zweiten Teils den Saal empört und türknallend verlassen haben – Das ist doch praktisch Teil des Marketings.
Musikalisch war die Produktion durchaus von Niveau: Metzmacher ist ein berühmter Dirigent, der diese Partitur kennt und liebt (nicht etwa wie 2005 mit Nagano bei den Salzburger Festspielen…). Er bot eine interessante und teilweise sehr faszinierende Lektüre des Werkes mit einer ungewöhnlich dämmerigen Stimmung und einem sehr breiten, melodischen Aufschwung. Der Cast bei den Sängern war absolut ebenbürtig. Für einen normalen Zuschauer gabe es bei dieser Produktion nichts zu kritisieren, man könnte sogar enthusiastisch sein.
Es sieht natürlich ein bisschen anders aus, wenn man diese Oper schon sehr gut kennt, liebt, studiert und sie oft auf der Bühne gesehen hat.
LICHT UND SCHATTEN 1:  Metzmacher hat eine fast integrale Fassung der Oper dirigiert: Es fehlten nur ca. 30 Sekunden Chor in der letzten Szene, weil auf der Bühne keinen Chor anwesend war. Metzmacher hat das letzte Crescendo gestrichen und die Oper in leise ausklingen lassen, was theoretisch mit den Absichten von Schreker übereinstimmt, der 1921 Klemperer einer ähnlichen Lösung für das Finale von Der Schatzgräber zugestimmt hatte – aber praktisch dann zu undramatisch wirkt. Die musikalische Interpretation war schön, interessant aber auch enttäuschend. Die Musik von Die Gezeichneten kann beim ersten Anhören sperrig klingen. Metzmacher wählte entschieden, die Verbindungen mit der klassischen Operntradition hervorzuheben. So blieb der Orchesterklang immer etwas zurückgehalten und im Dienst der Stimme und des Textes. Die Tempi waren etwas ausgedehnt, damit die verschiedenen Musikthemen besser verständlich wurden und die Melodien sich deutlicher entfalten konnten. Jede direkte Verbindung zwischen Wort und Musik, jeder malerische Effekt wurde besonders gepflegt -z. B: ist ein „wogendes Meer“ deutlich zu hören, sobald Carlotta es in der Atelierszene nennt. Auch hob Metzmacher so viel wie möglich jede Stelle hervor, die eine nur auch entfernte Verwandtschaft mit einer Arie bzw. Romanze zeigen könnte. Das ermöglichte dem Zuschauer u. A. der Gesamtstruktur des Werkes besser folgen zu können. Die Wirkung war außerdem am Anfang des 3. Aktes, mit dem Orchester hinter der Bühne, besonders kräftig, auch weil unerwartet. Das alles hatte aber auch Nachteile: Einerseits fehlte insgesamt jede Spannung, vor allem in der eher symphonisch konzipierten Atelierszene des 2. Aktes. Andererseits passte eine so traditionelle Interpretation nicht wirklich mit der eher provokativen Inszenierung zusammen. Dazu war der umhüllende, schimmernde Klang kaunehmenm wahrzu, den man bei dieser Oper sonst in Lyon erlebt hatte – so eine Art Erfahrung, dass man denken musste: „So etwas habe ich nie gehört!“. Bei Metzmacher war es eher das Gegenteil: man konnte wahrnehmen, dass alles höchst raffiniert komponiert und orchestriert war, aber ansonsten klang  alles schon bekannt. Es handelte sich hier um eine bewusste Wahl des Dirigenten, der sonst bei anderen Werken eine unglaubliche Spannung und einen breiten, komplexen Klangraum schaffen kann, wie man letztes Jahr bei der Berliner Aufführung von Schönbergs Die Jakobsleiter erleben konnte. 
LICHT UND SCHATTEN 2: die Inszenierung von Warlikowski war nicht so schlecht wie erwartet, aber eben auch nicht so gut. Es gab einen ständigen Wechsel zwischen gelungenen und gar nicht gelungene Momenten, so dass das Gesamterlebnis sehr gemischt war. Überraschend gut passte z. B. die Bacchanale-Musik vom 3. Akt als Begleitung zu Stummfilmszenen mit Monstern und schönen Frauen. Viel weniger gut wirkte aber die Inszenierung des Elysiums als Museum und die fast konsequente Abschaffung der erotischen Verwirrung der Besucher, so dass die psychologische Wandlung von Carlotta von eisiger Künstlerin (oder auch erkrankte Verlobte des Monsters) bis zur freiliebenden Frau völlig verloren ging. Sehr lustig wirkte die „nackte“, dicke Dame, die während der ersten Hälfte des 3. Aktes unerschrocken weitertanzt. Andere eingestreute Einfälle erreichten sogar eine Gänsehaut-Wirkung, wie z. B. das irreale, rote Licht der künstlichen Sonne oder das plötzliche heranzoomen des unheimlichen Rattenbildes am Schluss des 2. Aktes. Dagegen aber wirkte der Rest langweilig, platt, unverständlich oder abgedrochen. Wenn für ein gutes Drittel der Oper die Leute einfach irgendwo sitzen, entweder um einen großen Bürotisch, oder an beiden Seiten an einem kleinem Ikea-Tisch oder auf Kinostühlen, sieht es so aus, als ob der Regisseur sich über die Personenregie nicht allzu viele Gedanken gemacht hat… Und der Boxring im 2. Akt war meistens nur störend. Man konnte bei den verschiedenen Einfällen kein einheitliches Konzept herausfinden. Auch die Ausstattung im „Chereau-Stil“, d.h., mit einer Menge Statisten, die ständig auf die Bühne hin und her beschäftigt waren, wirte oberflächlich und charakterlos. Vor allem aber fehlte die Handlung. Ist Alviano ein Frauenkörper-Sammler? Hat er mit seinen adeligen Freunden eine Art Business? Warum zeigt ihm Carlotta ihr Kindheits-Trauma als Ratten-Kunstwerk? Wieso verbreitet sich ihres Trauma auf dem ganzen Elysium? Die Motivationen aller Haupt- und Nebenfiguren blieben unverständlich. Da es sich aber um ein psychologisches Drama handelt, liegt es nahe, dass das ganze Drama fehlte. Die Figuren blieben platt, verschlossen und ohne Entwicklung. Kohärent mit dieser Einstellung, sprachen die Figuren bei ihrer Dialogszenen nicht wirklich miteinander: Jeder blieb wie in seiner Welt geschlossen, ohne Interaktion. Diese Einstellung passte aber schlecht, wie oben erwähnt, zur eher traditionellen Interpretation von Metzmacher.
LICHT UND SCHATTEN 3: Die drei Protagonisten verfügten über kräftigen Stimmen und haben mit souveräner Sicherheit ihre Rolle gesungen. Trotzdem lässt sich von einem Schreker-Enthusiasten noch etwas mehr wünschen. Die klare Stimme von John Daszak (Alviano) klang im 3. Akt plötzlich schrill, forciert und unangenehm. Vielleicht ist eine einzige Pause für eine so anstrengende Rolle ein bisschen zu wenig? Catherine Naglestad (Carlotta) hat zwar sehr gut gesungen und jeden Zuschauer stark beeindruckt, der die Oper nicht kannte. Der einzige Schatten in ihrem Fall war, dass ihre Interpretation eher eintönig war. Man konnte aus der Darstellung ihr kalt-verwirrendes Benehmen im 1. Akt nicht wirklich von ihrer Leidenschaft im 3. Akt unterscheiden – es fehlte also an Färbungen, die doch für diese Rolle gar nicht sekundär sind. Christopher Maltman verkörperte dagegen perfekt Vitellozzo, ein Kavalier, der weder böse noch brutal ist, sondern durch seine unerwartete Verliebtheit plötzlich schwach und unsicher wird. Ganz überzeugend war Tomasz Konieczny als Duca Adorno; viel weniger Alastair Miles als Podestà (auch nahezu der einzige, der eine Textlinie vergessen hat). Gute Leistungen alle anderen, insbesondere Dean Power und Galeano Salas als Pietro bzw. der Jüngling.
ZUM SCHLUSS: In einer virtuellen Rangliste der szenischen Produktionen von Die Gezeichneten aus der 2000er Jahren (Stuttgart 2002, Slazburg 2005, Palermo und Los Angeles 2010, Köln 2013 und Lyon 2015) wäre diese Münchener Produktion nicht allzu schlecht platziert. Es bleibt aber, bei fast jeder Inszenierung, eine Frage offen. Man hat ein Sujet, das über eines der prägnantesten Schlussbilder verfügt, das man sich auf der Bühne vorstellen könnte: Eine schöne Frau, inmitten eines phantastischen, labyrinthischen Garten, weist ihren monströsen Verlobten ab und stirbt, noch an den schönen Liebhaber ihrer letzten Stunde denkend, der doch, von ihr unbemerkt, ermordet vor ihr liegt.  Ich, als Zuschauer, würde jedes Mal nochmals zu diesem Garten mitten im Meer kehren möchten; nochmals mich in der trunkenen Stimmung des Festes verlieren, um nochmals das immer wieder schockierende Finale zu erleben. Genau das Spiel der Kontraste macht dieses Bild so unglaublich faszinierend. Ist das für die Regisseuren so schwer zu verstehen? Warum sollte fast jedes Mal alles von Anfang bis Ende so grausig aussehen? Wieso muss fast immer der Garten verschwinden und mit irgendeiner hässlichen Erfindung ersetzt werden? 
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