“Die Gezeichneten” in München: Vor-Rezension

Ich werde Die Gezeichneten in München erst am 11.7. sehen; konnte aber schon ein Video der Premiere sehen. Ich kann daher hier meine ersten Eindrücke schon sammeln.

Wie erwartet, spielt Ingo Metzmacher eine (fast) integrale Fassung. Es gibt nur eine winzige Kürzung in der letzten Szene, als der letzte Einsatz des Chors vor der letzten Erzählung von Vitellozzo und seinem Mord ausfällt, wahrscheinlich aus szenischen Gründen. Übrigens wählt Metzmacher, die Oper ppp ausklingen zu lassen, und läßt so das allerletzte Crescendo weg. Das ist nicht völlig gegen die Absichten von Schreker, der für eine ähnliche Lösung für das Finale von Der Schatzgräber zugestimmt hatte (Brief an Bekker von 2.10.1921). So viel sich aus der Audioqualität des Videos beurteilen lässt, ist die ganze Interpretation eher auf die Wort-Ton Beziehung und auf eine klare Deutung des Textes fokussiert, als auf einen schimmernd-luxuriösen Klang. Hoffentlich wirkt das Orchester live anders und kann Metmacher im Theatersaal einen Klangraum entwickeln, wie ich von ihm schon oft gehört habe – aus dem Video fand ich aber die Einspielung leider nicht so mitreissend, sondern eher monoton.

Die Rolle von Alviano ist sehr anspruchsvoll und John Daszak singt schon viel besser als andere Tenöre, die ich in dieser Rolle gehört habe; trotzdem wird seine Stimme in der Festszene im 3. Akt eher schrill. Die Carlotta von Catherine Naglestad fand ich aus der Aufnahme nicht besonders interessant; dafür sind Vitellozzo und Adorno sehr gut.

Über die Inszenierung: Ich hatte nicht wirklich viel von Warlikowski erwartet, aber was ich gesehen habe, geht noch deutlich unter meine schlimmsten Erwartungen. Er nimmt Figuren aus den Filmen von David Lynch, als würde er die Oper fast wie einen Film von Lynch inszenieren (was doch keine schlechte Idee gewesen wäre); er kombiniert aber diese Elemente fast zufällig mit Szenerien und Filmen aus den 20er Jahren: warum? Dazu mit einem Boxring hinter und einer Bartheke an der Seite. Als erster Eindruck wirkt das alles sehr willkürlich, oberflächlich und letztendlich undramatisch, da genau das wichtigste fehlt: eine Geschichte.

Hoffentlich ist die Gesamtwirkung im Theater anders; bisher scheint mir, dass ein Regisseur erneut eine Skandalstimmung durch oberflächliche Provokationen schaffen möchte, dabei aber das echte Drama völlig verpasst – was mit Die Gezeichneten leider besonders oft zu passieren scheint…