Polish String Quartet: Waghalter – Rathaus – Laks

polish quartet

Wie schon im Kulturkalender vor einigen Tagen angekündigt, fand am 3. Juni im Joseph-Joachim-Konzertsaal der Udk Berlin ein Konzert des Polish String Quartet der Deutschen Oper Berlin statt, bei dem Werke von Ignatz Waghalter (1881-1949), Karol Rathaus (1895-1954) und Szymon Laks (1901-1983) aufgeführt wurden. Thema des Konzertes waren wenig bekannte polnische Komponisten vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die hauptsächlich außerhalb Polens tätig waren und deren Karriere von „Machtgreifung„ der Nazisozialisten gebrochen wurde. Dem Thema entsprechend herrschte im Saal eine „polnisch-triste“ Stimmung, der auch der Konzertmoderator Franz Harders-Wuthenow (Mitarbeiter der ehemaligen Societé internationale Franz Schreker) seine spröden Witze anpasste.  Trotz den Blumen blieben die Spieler am Ende des Konzerts fast unter sich in einer Ecke, wie das Foto zeigt.

Die Biographie von Waghalter ist sehr interessant – seine Musik leider viel weniger.

Waghalter, der 1898 völlig mittellos nach Berlin kam, wurde von Joseph Joachim protegiert und wurde rasch als Dirigent und Komponist erfolgreich; sollte aber schon 1923 wegen antisemitischen Druckes von seiner Stelle als Orchesterleiter des Deutschen Opernhauses abtreten. Nach einem Jahr in den USA kehrte er aus Heimweh nach Deutschland zurück, um 1934 wieder ins Exil zu müssen. Einige Jahre später gründete er in New York ein afroamerikanisches Orchester, das sich aber schon nach einem Jahr wieder auflöste.

Das 1901 entstandene Streichquartett Op. 3  sollte das Werk sein, das  Joachims Aufmerksamkeit erregte. Es handelt sich um ein  Jugendwerk, technisch elementar und insgesamt recht belanglos, enthält aber einige Überraschungen, wie die etwas spanische Stimmung des Allegretto,  völlig unerwartet in einem Werk eines polnischen Komponisten aus jüdischer Herkunft. Man nimmt aber nach einer Weile wahr, dass dieser Satz ungefähr so spanisch wie Brahms‘ Spanisches Lied (In dem Schatten meiner Locken) klingt. Der Rest des Stückes verweist dann noch weiter zurück in deutsche Musiktradition Richtung Schumann und Schubert. Joachim mag in diesem Stück eher die musikalische Neigung Waghalters als sein kompositorisches Talent erkannt haben. Es ist dennoch eine dankbare Leistung, wenn unbekannte Stücke aus der Zeit Schrekers gespielt werden. So wurde z. B., Waghalters Oper Jugend 1989 konzertant in der Deutschen Oper aufgeführt. Es wäre wünschenswert, wenn irgendwann einen Aufnahme auftauchen würde!

Einen ganz anderen Gestus zeigte das Streichquartett Nr. 5 von Rathaus, eines seiner letzten Werke, 1954 komponiert. Rathaus verwendet hier die Zwölftontechnik frei, ohne sich aber von ihrem Sinn zu entfernen und verwirklicht einen konstanten Übergang zwischen linearer Melodie und räumlicher Auflösung der Klänge. Er schafft so eine Musik verschiedener Klangebenen – was ihn, nebenbei bemerkt, mit der Musik seines Lehrers Schreker verbindet. Dieses Quartett ist exzeptionell und sollte häufiger  gespielt werden! Rathaus war nur entfernt ein Pole,da er in Galizien geboren wurde, damals ein Teil des Kaisertums Österreich und heute Ukraine. Er ist einer der Wiener Schüler von Schreker, die ihm 1920 nach Berlin folgten. Er wurde dort auch als Komponist für Filmmusik namenhaft, insbesondere wegen seiner Arbeit für den Regisseur Fjodor Ozeps –  zur legendären Dostojewski-Verfilmung Der Mörder Dimitri Karamazoff (1931) (hier das Plakat). 1933 sollte Rathaus Deutschland verlassen, gleich danach wurde von der Regierung seine Musik, genau wie die Musik von seinem Lehrers Schreker, als „entartet“ gebrandmarkt. Er versuchte sich erfolglos auch in den USA als Filmkomponist durchzusetzen; bekam aber am Ende glücklicherweise eine Stelle als Professor für Komposition am Queen’s College von New York. Nebenbei bemerkt: Rathaus‘ einzige Oper Fremde Erde wurde in den 80er Jahren in Bielefeld aufgeführt! Es wäre auch in diesem Fall zu wünschen, wenn es irgendwo eine Aufnahme gäbe!

Das Quintett pour piano et cordes von Laks ist eine Neufassung (1967) seines Streichquartetts Nr.3 aus polnischen Volksweisen, welches er 1945, gleich nach seiner  Befreiung aus dem KZ Dachau als Liebesweis für sein in Schutt und Asche gefallenes Polen komponierte. Zu den vier Streichernstimmen wurde für den Pianisten Władysław Szpilman ein Klavierpart hinzugefügt. Szpilman ist genau der polnische Pianist, der von 1939 bis 1945 versteckt im Warschaus Getto überleben konnte, und dessen Geschichte von Roman Polanski in The Pianist nach Szpilmans Autobiographie verfilmt wurde. Laks konnte seinerzeit Auschwitz und Dachau überleben, indem er in Auschwitz Leiter des Lagerorchesters wurde. Die Absurditäten des Lebens im Lager beschrieb er in seinem Buch Musiques d’un autre monde (Musik in Auschwitz). Dieses Klavierquintett ist also ein echtes Stück Geschichte. Musikalisch ist sehr angenehm, mit vollem Klang und sehr gut strukturiert. Wer jedoch keinen Zugang zu polnischer Volkskultur hat, berührt es möglicherweise weniger.

Die Musiker des Abends haben mit Leidenschaft und der äußersten formalen Klarheit alle Stücke dargeboten; vor allem waren die Musikalität bei der zwölftönigen Musik von Rathaus und die Klangfülle beim Klavierquintett von Laks beeindruckend. Schade, dass im Zuschauersaal viele Plätze leer blieben..

Das Konzert wird heute Abend (8.6.) um 20:03 Uhrauf Deutschlandradio-Kultur übertragen.