Schrekers Kammersymphonie im Roten Rathaus Berlin

2016-04-25 21.01.45

 

Am 25. April 2016 fand im Roten Rathaus Berlin ein “Kammerkonzert extra” der Orchesterakademie der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von David Robert Colemann (leider nicht im Foto) statt. Gespielt wurden die Serenata notturna KV 239 von Wolgang Amadeus Mozart, die Danse sacrée et Danse profane von Claude Debussy und die Kammersymphonie von Franz Schreker. Das Programm war klug konzipiert: Einerseits entsprach die chronologische Folge der Stücke einer progressiven Steigerung der Klangmasse, andererseits waren alle Stücke in ihrer Klangidee verbunden, neben einem sozusagen “klassischen” Streicherkern weitere, weniger gewöhnliche Instrumente einzusetzen. So erscheint in Mozarts Serenata notturna zwischen Solo-Streichern auch ein Solo-Kontrabass, wobei im Kammerorchester auch Pauken eingesetzt werden, oder nimmt in Debussys Danse sacrée et Danse profane die Solo-Harfe die Hauptpartie ein. Bei Schreker vermengen sich Kammerorchesterklang mit sieben Solo-Blasinstrumenten und dazu Celesta, Harmonium, Klavier, Xylophon, Triangel und Tamtam. Die Akustik des Festsaals im Roten Rathaus hat sich leider lediglich für das Stück von Debussy als geeignet erwiesen. Trotz der geringenem Ensemblegröße bei Mozart, waren viele Passagen der Solo-Stimmen nicht klar wahrnehmbar, und bei Schreker entstand oft der Eindruck eines dröhnenden Chaos.

In der Serenata notturna war auch die Wahl der Spieler pointiert getroffen, da neben acht Damen der Paukist als einziger Herr trat. Das Stück ist bizarr, für Streichquartett (aber mit Kontrabass statt Cello) und kleines Orchester komponiert. Überall gibt es kleine Überraschungen, schon in den Anfangstakten der Marcia mit dem gar nicht so ganz nächtlichen (Serenata notturna = Nächtliche Serenade) Paukenklang. Es folgt ein Menuett mit einem ebenfalls ungewöhnlichen Streichquartett-Trio, und schließlich ein Rondo mit so kontrastierenden und teilweise bizarren Episoden, dass man eine weile lang verwirrt – fast wie bei einer Symphonie von Haydn – bleibt. Vielleicht waren die gewählten Tempi ein bißchen zu rasch, das Spiel etwas unpräzise, vielleicht war die Akustik verworren – etwas stimmte nicht ganz.

Anders ging es mit Debussys Danse sacrée et Danse profane. Der Dirigent war hier völlig in seinem Element; formal so klar, dass für einmal die zwei Tänze ganz deutlich nach Rhythmus und Charakter unterschieden wurden (wobei der geistliche Tanz auch Beziehungen mit Wagners Parsifal zeigte), und dazu äußerst ausdrucksvoll – “à faire pleurer le pierres” (die Steinen weinen zu lassen), um es mit den Worten des Komponisten zu sagen. Nie habe ich vorher dieses Stück so tief verstanden und genossen – also: bravi! Und bravo besonders an die Solo-Harfe (Anneleen Schuitemaker).

Bei der Kammersymphonie von Schreker gab es hauptsächlich das Problem, dass, wie oben erwähnt, die Akustik des Saals nicht geeignet war, um das komplexe Stimmengewebe wahrnemen zu können; auch klang alles insgesamt eine Spur zu laut. Trotzdem zeigte sich die Interpretation von Colemann sehr klar und interessant. Statt die Folge der geschriebenen Tempi strikt zu berücksichtigen (grundsätzlich: Langsam schwebend-Allegro vivace-Adagio-Scherzo-Allegro vivace-Adagio) hat er das erste Adagio ungefähr so schnell wie den vorigen Abschnitt dirigiert, um dann das Tempo bis zum besonders schnellen Scherzo weiter zu steigern, gefolgt von einer noch schnelleren Reprise des Allegro vivace. Auf diese Weise hat er ganz klar eine Dreiecks-Struktur geschaffen, mit einem langsamen Anfang, einer allmählichen Tempo-(und Dynamik-)Steigerung bis zur Climax der Reprise, um wieder langsam zum Adagio zurückzukehren. Eigentlich viel, viel besser, als was berühmtere Dirigenten mit diesem Stück geschafft haben. Das Programmheft war vollkommen Schreker gewidmet (auch wenn mit einigen Ungenauigkeiten, die aber wegen des offenbareb Enthusiasmus des Autors völlig verzeihbar sind), und im Publikum gab es mehrere Zuschauer, die nur für Schreker gekommen waren. Das läßt sehr hoffen, dass sich die Schreker-Renaissance auf einem weiterhim guten Weg befindet!