Ein großer Schreker Freund verschied. Persönliche Erinnerungen zum Tod von Michael Gielen.

Berlin, 1987. Ich bin zum ersten Mal in dieser Stadt und besuche einen großen CD-Laden im Europa Center, so groß und bestückt, wie ich in Italien nie gesehen habe. Ich muss ein Sujet für meine Magisterarbeit finden und habe eine Liste von nahezu unbekannten Komponisten, über die ich möglicherweise schreiben könnte. In diesem Traumladen finde ich dann mehrere CDs eines gewissen Franz Schreker. Ich kaufe nur eine einzelne CD, wo, u. A. Vorspiel zu einem Drama (Die Gezeichneten) und das Nachtstück zu hören sind. Dirigiert: Michael Gielen. Ich höre in Florenz diese Stücke immer wieder und bleibe total fasziniert; ich kann kaum glauben, dass das Nachtstück als Zwischenspiel einer Oper konzipiert worden ist, vor allem wegen der steigernden Desorientierung, die alle Themen langsam verschwinden lässt, um den reinen Klang in Vordergrund zu bringen. Ich bestelle dann gleich die einzige Einspielung von Der ferne Klang, die damals zu finden war (Michael Halász) und bleibe völlig atemlos. Ich schulde so Gielen meine Entdeckung von Schreker. Es geht aber noch weiter. In meiner Suche nach Einspielungen von anderen Schreker-Opern (das war damals gar nicht so leicht) finde ich in einem kleinem CD-Laden in Florenz nah des Doms, einige staubige, fast vergessenen LPs: Die Gezeichneten – auch unter Michael Gielen. Es ist vermutlich eine Piraten-Aufnahme (Frankfurt 1979). Ich verstehe lange Zeit in diesem Schwall von Musik kaum etwas; kann mich auch kaum in der Handlung orientieren – aber ich verliebe mich sofort in eine Stelle, die seit dieser Zeit eine meiner Lieblingstellen von Schreker geblieben ist: Nein, nicht die Atelierszene, sondern der Anfang des 3. Aktes, bis zum Lied von Carlotta. So etwas habe ich nie gehört. Ein Klanglabyrinth, wo musikalisch viele Dinge zugleich passieren und wo die Hauptfiguren langsam in dem Hintergrund gerückt werden. Ich kaufe dann andere Einspielungen von Die Gezeichneten (de Waart; Zagrosek); sehe auch die Oper live in Stuttgart (Zagrosek) – kann aber nie wieder diesen Eindruck wiedergewinnen. Ich finde noch, dass der 3. Akt der Gielen-Einspielung unerreicht ist. Dann kommt 2002 Der ferne Klang in Berlin, wieder unter Gielen. Ich gehe zur Premiere. Dort treffe ich Chrstopher Hailey, der die Proben schon besucht hatte, und der sagt, dass er selbst (der diese Partitur doch sehr gut kannte) nie geglaubt hätte, dass diese Musik so tief, beweglich und hinreißend klingen könnte. Ich bleibe vom live Schreker-Klang buchstäblich überwältigt. Gottseidank ist mir so was danach noch mehrmals passiert, aber das war das erste Mal – und ich hatte doch Schrekers Musik schon mal live gehört (Gerd Albrecht hatte ein Konzert in Florenz dirigiert und ich hatte auch 1999 Der Schatzgräber in Karlsruhe erlebt). Ich habe aber 2002 in Berlin echt zum ersten Mal verstanden, wie dieser Klang sein sollte – und ich schulde Gielen auch das. Ich habe den Meister leider nur noch einmal gehört, als er in einem Konzert im Konzerthaus wieder das Nachtstück dirigierte – und ich war nochmals überrascht, wie tief und mächtig dieser Klang war.
Ade, Meister, und danke für alles!