Symphonienzettel 1: Haydn 1 – die ersten Symphonien (1757-1761)

Nochmals zur Einführung

Wie bereits in der Projekteinführung erklärt, eine vollständige, chronologische Liste aller komponierten und heute aufgenommenen Symphonien ab der 1. Symphonie Haydns (1757) hat sich aus zwei Gründen als unmöglich erwiesen: Erstens, in der Chronologie der Werke bis zur Mitte der 1770er Jahren herrscht ein absolutes Chaos, so dass man nie wirklich weiß, welches Werk wann komponiert wurde – und manchmal sogar nicht von wem! Das gilt schon für Haydn und Mozart, und bei sozusagen zweitrangigen Komponisten reicht die chronologische Unbestimmtheit bis zu den 1790er Jahre. Zweitens, hat sich auch der Versuch, eine chronologische Liste ab der 1. Symphonie Beethovens (1800) als unsinnig erwiesen: Ungefähr, wie es auch bei den Klavierkonzerten passiert, scheinen sogar die unfähigsten Komponisten sich in der Lage gehalten zu haben, wenigstens eine Symphonie zu komponieren. Bei einer bis dato erreichten Sammlung von 4472 Werken schien die Absicht, alle anzuhören, völlig aussichtlos. Dazu fehlen bei den besagten Symphonien von Beethoven bis heute viele Werke, die an der Grenze der Gattung zu verorten sind  und die ich doch gerne ins Projekt aufnehmen würde. Bei einem ersten Versuch, den ich vor Jahren durchführte, stellte es sich klar hervor, dass wenigstens einige der symphonischen Dichtungen von Liszt, Dvořak und R. Strauss eher als Entwicklung der Gattung als „Symphonie“ zu verstehen wären. Les Préludes von Liszt klingen z.B. in ihrem historischen Kontext wie eine komprimierte Symphonie, aus der alle von erstarrten Konventionen obligatorisch gewordenen Passagen ausgestrichen wurden, um nur das Wesentliche, Lebendige übrig zu lassen; die symphonischen Dichtungen Dvořaks wurden alle nach den Symphonien komponiert, quasi als Fortsetzung der symphonischen Gattung; und zwei der symphonischen Dichtungen von Strauss sind „Symphonie“ genannt (Sinfonia domestica und Alpensymphonie). Ich habe mich daher für eine Mittellösung entschieden: Ich werde nur in besonderen Fällen auch die symphonischen Dichtungen betrachten, und jedes Mal doch eher als Gruppe und nicht als Einzelwerk. Das Liste bleibt trotzdem so überlang, dass ich nicht wage, schon jetzt zu planen, welches das Endjahr der betrachteten Periode  sein sollte – obwohl ich sehr gerne die symphonische Gattung bis zu den heutigen Tagen verfolgen würde. Ich werde also in diesem Fall keine Vollständige Liste der Werke dem Projekt vorlegen, sondern nach und nach Listen einzelner, voneinander abgegrenzten  Perioden. Da, wie oben erwähnt, von 1757 bis ca. 1775 keine chronologische Anordnung der Werke möglich ist, werde ich in dieser ersten Phase nach Komponisten vorgehen.


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DIE SYMPHONIEN VON HAYDN

Im Grunde wurde das, was spätere Komponisten  in einem Werk zusammengefasst hätten, zur Haydns Zeit in mehrere Werken zerstreut – so, könnte man sagen, gelten in den meisten Fällen 5-6 Symphonien Haydns wie eine einzige Symphonie Beethovens. Das Prinzip ist aber gleich, eine ständige Stilentwicklung – nicht aber genau vom Werk zum Werk, sondern eher zwischen Werkgruppen.

Überblick:

  1. Leicht – Barock: 1757-1761 (17 Symphonien für Graf Morzin in Salzburg)
  2. Stravaganza – Barock: 1761-1762 (6 Symphonien für Prinz Paul Anton Esterházy in Esterháza)
  3. Sturm und Drang: 1762-1765 (16 Symphonien als Vizekapellmeister vom Prinz Nikolaus Esterházy in Esterháza)
  4. Sturm und Drang 2: 1767-1768 (5 Symphonien als Kapellmeister beim Prinz Nikolaus in Esterháza)
  5. Anfang der Sonate-Form: 1768-1771 (8 Symphonien in Esterháza)
  6. Stravaganza – Klassik: 1772-1776 (16 bizarre Symphonien in Esterháza)
  7. Pompös: 1778-1781 (8 imposante Symphonien in Esterháza)
  8. Klassik: 1782-1784 (6 Symphonien zum Verkauf und Verbreitung bestimmt)
  9. Pariser – Fantasievoll: 1785-1786 (die 6 Pariser Symphonien)
  10. Wiener – Klassik: 1787-1788 (die 6 Wiener Symphonien)
  11. Londoner – Überraschend: 1791-1792 (die ersten 6 Londoner Symphonien und die Sinfonia concertante)
  12. Londoner – Summa: 1793-1795 (die letzten 6 Londoner Symphonien)

 

I. Vor der Sonaten-Form (1757-1768)

1. Leicht – Barock: 1757-1761 beim Graf Morzin: 17 Symphonien: 1-5, 10-11, 15, 17-20, 25, 27, 32, 37, Sinfonie A

Eigenschaften: meistens 3-Sätzig, formal oft starr, nicht so fantasievoll instrumentiert, keine bzw. kaum eine Themendurchführung. Stilistisch pendelt Haydn in dieser Periode zwischen Spätbarock und Vorklassizismus.

1 in D-Dur (1757): die allererste Symphonie Haydns und schon erfindungsvoller und moderner als einigen Symphonien von zeitgenössischen Komponisten. Der Kopfsatz fängt gleich mit einem Mannheimer-Crescendo an.

37 in C-Dur (1758): eine der wenigen Symphonien in vier Sätzen aus dieser Periode, wobei das Menuett als zweiter Satz steht (oder stehen sollte, da es bei einigen Einspielungen doch den dritten Platz einnimmt). Mit der Dehnung der Sätze und dem Einsatz von Pauken und Trompeten klingt das Werk pompöser als die anderen;  könnte sogar fast als eine spätere Symphonie gelten, wäre sie raffinierter instrumentiert. Auch wenn nach Robbins Landon die Atmosphäre dieses Werkes eher unpersönlich ist, verzichtet doch Haydn nicht auf plötzliche Schattierungen, die die Symphonie über den Wert eins reinen Gelegenheitswerks hinausheben.

2 in C-Dur (vor 1759): wieder in drei Sätzen. Stilistisch eher barock, vor allem im in der schönen fließender Melodie des Andantes. Die Anmerkung der heutigen Kritik, die auf den freien Wechsel zwischen homophonen und kontrapunktischen Passagen im 1. Satz hin als Zeichen einer besonderen Modernität aufweist, scheint leicht übertrieben, da die kontrapunktischen Stellen nicht unbedingt so kontrapunktisch klingen.

18 in G-Dur (vor 1759): wieder eher im vorklassischen Stil, aber mit einer völlig verkehrten Satzfolge (Andante-Allegro-Menuett), die sich an der Kirchensonate orientiert. Die Orchestrierung ist fast ausschließlich den Streichern überlassen; Oboen und Hörner kommen kaum vor. Der 1. Satz fängt ganz leise an und ist für die Zeit besonders abwechslungsreich. Das Allegro als Mittelsatz klingt leichter als sonst. Das Trio des Menuetts ist besonders gelungen.

4 in D-Dur (vor 1760): im modernen Stil. Die Satzfolge Presto-Andante-Menuett verweist diesmal eher zur italienischen Ouvertüre, wobei in diesem Fall das Menuett als Finale ungewöhnlich erscheint. Damals waren Symphonie und Ouvertüre nicht so stark getrennte Gattungen. Das klagende Andante mit dem seltsamen Synkopen-Rhythmus klingt viel expressiver als in den vorigen Symphonien. Das Menuett am Ende ist leider nicht so exzeptionell und schwächt das ganze Werk.

27 in G-Dur (vor 1760): die sogenannte Brukenthal-Symphonie, weil 1946 einer Abschrift dieser Symphonie in der Brukental’schen Sommerresidenz bei Hermannstadt gefunden wurde und man glaubte noch einige Jahre lang, es sei eine bis dahin unbekannte Symphonie des Meisters. Später stellte es sich heraus, dass das Werk schon 1907 im Hoboken-Verzeichnis katalogisiert worden war.  Der Kopfsatz ist deutlich im vorklassischen Stil, was erklären kann, wieso nach einigen Kritikern dieses Werk später in der Esterháza-Zeit und nicht in Salzburg entstanden sein sollte. Die Symphonie ist auch deutlich besser orchestriert als die vorangehenden Symphonien, mit mehr Einsatz für die Bläser. Im Andante rückt mit dem Siziliano-Tanzrhythmus die Zeit wieder in den Barockstil zurück. Zum ersten Mal bei einer Symphonie von Haydn kommt das Streicher-Pizzicato vor. Wie von einigen Kritikern bemerkt, stellt die italienische Atmosphäre dieses Satzes ein Unikum bei den Symphonien Haydns dar.Man könnte das Kehraus-Finale als ein Versuch verstehen, ein Gleichgewicht zwischen den zwei Polen des Vorklassizismus und des Barockes  zu finden – der Satz klingt aber eher schwach und nicht so überzeugend.

 

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Brukental’sche Sommerresidenz @El bes

20 in C-Dur (vor 1760): in vier Sätzen (was damals nicht so üblich war). Viel pompöser als die anderen, mit Pauken und Trompeten, aber noch nicht raffiniert instrumentiert: Alles lastet noch auf den Streichern; Bläser und Pauken dienen fast nur als Unterstützung. Das Andante mit Pizzicato ist sehr galant. Wie etwa in den zur selben Zeit komponierten Symphonien von Haydns Bruder Michael, ist das Menuett nahezu der wichtigste Satz.

10 in D-Dur (vor 1760): wieder in drei Sätzen und „normal“ besetzt (d. h. ohne Trompeten und Pauken). Das expressive Andante ist nur für Streicher gehalten. Das Finale ist ein einfacher Kehraus.

Symphonie A in B-Dur (1760/61): von dieser Symphonie gibt es auch eine Streichquartett-Fassung (Op.1 Nr.5). 1907, als Mandyczewski eine Liste der Symphonien Haydns verfasste, war dieses Werk noch nicht als Symphonie bekannt. Die Orchesterstimmen wurden später wiedergefunden und das Werk steht seit 1955 als Symphonie „A“ auf der Liste. Im Vergleich mit den vorigen Werken klingt sie eher im Barockstil, mit kleinen Echo-Effekten und punktierten Rhythmen. Der Schluss versucht witziger als sonst zu sein.

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(schreckliches) Haydns-Bild auf dem Stadtcasino Basel

5 in A-Dur (1760/61): in vier Sätzen, wobei die Satzfolge Adagio-Allegro-Menuett-Presto an der barocken Kirchensonate orientiert ist. Der musikalische Stil ist auch eher barock, im Kopfsatz sogar fast mit zwei verschiedenen „Chören“ (Streicher und Blechbläser). Das Allegro erweist sich aber als wichtigster Satz, mit einem sehr prägnanten, „zerklüfteten“ (Walter Lessing)  Hauptthema im Unisono des Orchesters und einem Gegenthema, das für wenige Instrumente gehalten ist. Das Menuett ist sozusagen im alten Stil und klingt ein wenig plump. Das Trio des Menuetts bietet nochmals ein Klangwechsel und ist von Hörnern und Oboen dominiert. Das Finale ist sehr kurz, entscheiden und eingreifend – ganz anders und viel moderner als üblich.

11 in Es-Dur (1760/61): wie die Symphonie 5 ist auch diese in vier Sätzen nach der Kirchensonate-Satzfolge komponiert. Der Adagio Kopfsatz hat hier tatsächlich mehr als sonst eine geistliche Stimmung. Stilistisch ist die Symphonie in einem leicht „moderneren“ Stil komponiert als die Nr.5. Im 2. Satz kommen doch noch viele Fugato-Teile vor; das Menuett klingt ebenso schwer wie bei der Nr.5, und auch im leichten Finale tauchen einige eher barocke Musikfiguren auf.

32 in C-Dur (1760/61): auch in vier Sätzen; Menuett als 2. Satz. Wieder eine pompöse Symphonie mit Pauken und Trompeten. Wie bei der Nr.20 wird aber der Satz völlig von den Streichern dominiert und Bläser und Pauken kommen lediglich als Klangunterstützung vor.  Obwohl formal sehr klar, klingt diese Symphonie doch monotoner als die Nr.20. Das plötzlich melancholische Trio vom Menuett kommt allerdings ganz überraschend vor.

17 in F-Dur (1760/61): wieder in drei Sätzen. Eine schöne Mischung von barocken Progressionen und vorklassischen Themen. Schönes, melancholisches Andante. Das Finale hat einen Tanzcharakter.

25 in C-Dur (1760/61): drei Sätze, aber mit Menuett. Der 1. Satz beginnt mit einer Adagio-Einleitung, die fast den Charakter eines eigenständigen Satzes hat und die von einer Fugato-Figur eingeleitet ist. Das Fugato wird aber gleich vergessen und die Figur nicht durchgeführt.  Das gleich darauffolgende Allegro klingt als Kontrastwirkung besonders lebendig. Im Menuett wird das Trio von Bläser gespielt, wobei die Streicher lediglich als Pizzicato begleiten, was eine echte Neuigkeit ist. Das Finale ist ein kurzer Kehraus mit vielen Wiederholungen der Hauptfigur. Nach einigen Kritikern hätte diese Symphonie auch eine Ouvertüre gewesen sein können.

19 in D-Dur (1760/61): drei Sätze, diesmal „klassisch“. Eine seltsame Symphonie, als wäre sie aus Sätzen zusammenstellt worden, die in verschiedenen Zeiten entstanden sind. Der 1. Satz ist sehr fortgeschritten, nahezu in Sonaten-Form, vor allem weil im mittleren Teil das Thema quasi durchgeführt wird; auch wird der B Teil nicht widerholt. Dazu taucht im Satzbau dieses 1. Satzes zum ersten Mal die berühmte, witzige Stimmung von Haydn auf. Das etwa seriöse 1. Thema wird plötzlich von einer sehr lebendigen Figur unterbrochen und zu einem unerwarteten Ende geführt; ein 2., ruhigeres Thema folgt, was aber auch plötzlich von einer ähnlichen Figur (diesmal sogar mit Hörner) unterbrochen und zur Kadenz geführt wird. Solche musikalischen Witze sind ganz typisch für eine spätere Schaffensperiode des Komponisten. Die folgenden zwei Sätze sind aber völlig im Stil der früheren Symphonien von Haydn, sogar fast bescheidener als sonst. Seltsam.

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15 in D-Dur (1761?): in vier Sätzen, aber mit dem Menuett als zweiten Satz. Schon ab der Adagio-Einleitung klingt dieses Werk viel fortgeschrittener als alle vorigen Symphonien. Das Material ist deutlich differenzierter, die Orchestrierung viel raffinierter, die Form (mit dem Rückkehr der Einleitung am Ende des 1. Satzes) hochinteressant. Es wurde daher vermutet, diese Symphonie sei doch für die Capella Esterháza komponiert worden. Das wäre aus der musikalischen Sicht logisch; es scheint aber andererseits unwahrscheinlich, dass Haydn im ersten Jahr in Esterháza schon 8 Symphonien komponieren konnte. Daher verlege ich diese Symphonie sowie die Nr.3 noch in der Periode vor Esterháza, vielleicht als Bewerbungswerke. Im Menuett kontrastiert der punktierte Rhythmus des Menuetts mit dem moderneren Kammertrio. Das Andante, nur für Streicher gehalten (was eher zum alten Konzept der Symphonie noch gehört) ist wieder sehr modern und besteht aus der Entwicklung einer kleinen, viertönigen Figur. Das Finale ist kein Kehraus, klingt allerdings fast wie die beschleunigte Fassung eines Menuetts mit einem moll-Trio für Streicher.

3 in G-Dur (1761?): nochmals in vier Sätzen. Im Kopfsatz mischen sich wieder moderne und barocke Elemente: Einerseits ist das Hauptthema sehr prägnant und bleibt ständig klar im Zentrum des musikalischen Diskurs, was sehr modern ist; andererseits verweist die Anwendung der Polyphonie im B-Teil der Liedform eher zum Barockstil. Das Andante und das besondere Kanon-Menuett mit dem in zwei Chören geteilten Trio zeigen völlig die Barock-Seite der Komposition, wobei das sehr kurze Finale, mit seinem dem Kopfsatz verwandten Thema, einen stürmischen Schluss bildet, der das Werk wieder zur vorklassischen Zeit zurückbringt. Diese Symphonie könnte als Summa der ganzen ersten Schaffensperiode Haydns gelten.

 

Die Beste der Gruppe:  5 (ist die, die sich, meiner Meinung nach, am besten im Kopf einprägt).

[Alle Einspielungen bis zur 3. Symphonie sind von Adam Fischer/Haydn Philarmonic gespielt; nur die 3. von Dennis Russell Davies/Stuttgarter Kammerorchester. Die Mp3s sind auf http://classical-music-online.net zu finden. Die Musikbeispiele wurden von mir mit einer registrierten Version von WavePad vorbereitet].